GESPRÄCH ZWISCHEN FABIAN MARTI UND URS ZAHN anlässlich Zahns Ausstellung bei AMBERG & MARTI


Bern, 15. August 2006


GOTT


Fabian Marti: Lassen wir Gott und die Welt aus dem Spiel. Lieber beginne ich mit einer schwierigen Frage: Warum hast du 2005 im Ausstellungsraum „Marks Blond“ den Begriff „Club Bern“ eingeführt?


Urs Zahn: Dabei handelt es sich um ein fiktives Motiv, als Titel verwendet.


Man könnte es aber als eine widersinnige Geste auffassen: Wer zur „Spitze“ gehören will, muss seine vermeintliche Einzigartigkeit ausspielen, nicht sich einer Gruppe anschliessen. Heisst das nicht, sich ins Ghetto zu begeben?


Ein solcher Club ist exklusiv. Und wie in der Ausstellung angedeutet, genügen dazu schon zwei Mitglieder; es könnten auch drei sein. Club Bern mit Vaclav Pozarek zusammen bestreiten zu dürfen, heisst dankbares Mitglied sein – lassen wir das Ghetto.


Es geht also primär um ein elitäres Konzept, wie damals 2002 in der Kunsthalle, wo du zusammen mit Pamela Rosenkranz und Manuel Burgener eine Box aufgebaut hast, welche nur für eine bestimmte Gruppe zugänglich war, nämlich nur für die Besucher der Ausstellung, deren Namen auf der Aussenwand der Box erwähnt waren?


Ja und Nein, damals standen unterschiedlichste Namen auf unserer Wand – Der Aufnahmeprozess war dabei völlig willkürlich.


Ich möchte schon meinen, dass der eine oder andere der Aufgeführten in der Kunstszene nicht unbekannt ist. Warum war ich nicht auf der verdammten Liste?


Wir haben uns damals noch gar nicht gekannt!


Wir haben uns damals sehr wohl gekannt.


Aber wahrscheinlich nicht namentlich.


Doch auch namentlich.


Kannst froh sein, dass du nicht auf der Liste warst.


Möglicherweise.


Damals war nicht Club Bern angesagt, da ging es um eine Behauptung, die Behauptung einer fiktiven Szene.


Du sagst also, es gibt keine Szene in Bern, es ist dies lediglich eine Wunschvorstellung.


Möglicherweise.


Club Bern hast du also die Ausstellung zusammen mit Vaclav Pozarek genannt. Ich sehe in deiner Arbeit ganz klar Parallelen zu Pozareks Schaffen.


Er war mein Meister.


Du hälst also nichts vom Vatermord?


Wir sind keine Konkurrenten.


Pozarek abeitet in seinen eigenen inhaltslosen Sturkturen und Systemen, die nur ihm ersichtlich zu sein scheinen, aber bei der Betrachtung dem Rezipienten dennoch stimmig erscheinen. Man merkt aber auch, dass diese Strukturen immer wieder aufgelöst werden, um neuen Platz zu machen. - Wie stehst du persönlich zu System und Struktur? Du hast ja eigentlich dein eigenes System aufgebaut. Wo ein Objekt geschaffen wird um das andere in sich aufzunehmen, zum Beispiel. Was kannst du zum Begriff System sagen, oder konkreter, wie stehst du zu Inhalt?


Inhalt in Form von Geschichten langweilt mich. Wenn irgendwas in journalistischer Manier aufgezeigt oder erklärt werden will, interessiert mich das nicht im Geringsten. Meine Systeme sind als Träger für Bilder zu verstehen. Es handelt sich meistens um eine Ordnug, eine Anordnung von Bildern.


Du baust sozusagen eine dir eigene Ordnung auf?


Ja, ich zeige klassische Installations-Kunst.


Du sprichst ja im Zusammenhang mit dem in Basel an den Swiss Awards gezeigten Gartenhaus von einem Sockel, der/ das nur dazu da ist die Leuchtbox zu tragen. Darunter verstehe ich eine Erweiterung des Begriffs Sockel.


Ja, an einen solchen Sockel hat man noch nicht allzu oft gedacht. Nun gut, es war ja noch mehr als nur ein Sockel, er hatte auch die Funktion des Durchgangs inne, und das Ganze wurde durch das Loch gebrochen. Eigentlich war die Basel-Austellung eine Inszenierung von Loch in einem bestimmten Format.


Mass, Masseinheiten, Formate usw. scheinen mir wichtig in deiner Arbeit. Deine am Bürocomputer entstandenen und per Laserdrucker geprinteten A4 Blätter, welche du dann zu kleinen Kistchen faltest, die in ihrer gerasterten Anordnung ein Bild ergeben, welches einer Leinwand ähnelt...


Auch meine Motive sind fiktiv, am Anfang steht die Behauptung; ich wähle ein Motiv, behaupte, es handelt sich um ein solches und mache daraus ein Bild. Dabei lasse ich die Welt gerne aus dem Spiel. Ich suche meine Motive ganz klar dort, wo ich mich auskenne.


Dem Kleinbürgertum, du entstammst ja quasi der Tuja?


Ich nehme sie wahr. Das Gartenhaus am Gartenhaus interessiert mich nicht besonders, oder wie du sagen würdest, das Banale. Es geht hier mehr darum das kleinstmögliche Haus zu finden, welches immer noch als Haus wahrgenommen wird und eine Türe aufweist.


Es soll also in keinster Weise die Idee Gartenhaus mitschwingen?


Es geht hier ganz klar um ein möglichst reduziertes Haus und dessen Funktion. Meine Arbeiten rechnen damit, vom Betrachter genau so unbewegt wahrgenommen zu werden, wie ich die Dinge wahrnehme, die ich zu Motiven meiner Arbeit auswähle. Es handelt sich nie um etwas Skandalöses oder Extremes, es ist äusserst harmlos.

Natürlich widert mich das Banale, wenn ich zum Beispiel im Obi die Monstera-Pflanze entdecke, erstmals an. Ich sehe da keine Faszination.


Aber durch deinen Umgang eben mit diesem sogenannt Banalen entsteht dann Faszinierendes...


Danke.


Kaufst du zum Beispiel die Monstera- Pflanze, weil du siehst, dass sie in deinem System einen Platz finden könnte? Oder zwingst du den Gummibaum in dein System?


Mein System ist durchaus empfänglich. Diese Pflanze hat bereits eine Tradition in der Kunstgeschichte. Ich kaufe sie aber, weil ich sie haben will, und nicht nur ein Bild davon. Bei der Monstera stimmt alles. - Der exotische Gummibaum ist längst eine heimische Pflanze geworden, im dem Sinne, dass sie fast in jedem Schweizer Heim auffindbar sein könnte. Ich halte nämlich nichts von Jäger-und-Sammler-Künstler, die auf der Suche nach dem Exotischen während ihres Atelieraufenthalts in Kairo den inneren Drang verspüren Satellitenschüsseln zu fotografieren.


Aber genauso überrascht wie der Idiot in Kairo fühlst du dich beim Gummibaumeinkauf im OBI um die Ecke. Du bist einfach viel sensibler als der Kairokünstler.


Meine Motive sind nicht anmassend.


Kommen wir mal zu deinem Gebrauch von Begriffen und Wörtern. Du benutzt ja eigentlich in der Tradition Warhols Markennamen aus der Welt der Konsums, aber anders als Warhol, integrierst du gänzlich unbekannte Logos in deine Arbeiten. „Roca“ oder auch „Kras“, wer kennt das schon? Nach welchen Kriterien wählst du die Namen/Logos aus?


Es handelt sich dabei um eine oftmals undurchsichtige Selektion.


Ich könnte mir ja in einer gewissen Weise vorstellen, um was es dir dabei gehen könnte.


Also bis jetzt hat sich noch niemand getraut sich vorzustellen, was es auf sich hat mit den Worten. Deine Vorstellung interessiert mich.


Meiner Meinung nach hat es mit dem Klang der Worte zu tun. Zum Beispiel Roca das klingt doch nach „Rocker“ oder „Rocken“, oder Kras erklärt sich schon von selbst, „krass“. Ich hab das also immer von einem lautmalerischen Standpunkt angeschaut.


Absolut. Ich suche nach Worten, die auf klanglicher Ebene gut funktionieren, und einfach zu memorisieren sind. Nach einmaligem Hören sollten sie nicht mehr vergessen werden. Ich kann mir auch ganz gut verstellen, wie der Betrachter der Worte, diese auf einmal laut für sich liest, sich sprechen hört und lachen muss. Um das geht es doch.


Da wären wir doch beim Witz!


Ja aber nicht den Witz dem Witz zuliebe! Das waren die 90er, die waren doch einfach zu lustig. Einfach so.


Mich jedenfalls bringt deine Arbeit zum Schmunzeln. Und manchmal frage ich mich warum. Es hat sehr wahrscheinlich damit zu tun, dass du Motive kombinierst, die ich zwar kenne, aber noch nie in einen solchen Zusammenhang gestellt vorgefunden habe. Und trotzdem machen sie den Anschein, sie hätten den für sie perfekten Platz eingenommen. Du bringst die Dinge in deinem System in Sicherheit.


Die Tragik in meiner Arbeit ist sichtbar, sollte es überhaupt eine geben. Es geht um solch kleine Angelegenheiten, dass es für Jedermann ersichtlich ist. Es gibt da auch gar nichts zu erklären, ich bin als Mediator völlig überflüssig.


Auf der einen Seite ist deine Arbeit allen zugänglich, weil sie so simpel ersichtlich ist, auf der anderen Seite aber ist man als Betrachter ja völlig überfordert. Man will wissen warum, und es gibt eben kein Warum. Das macht Angst. Du lässt uns alleine und sprachlos.


Das mag ja stimmen, aber meine Arbeiten verlangen in keinster Weise nach einem Bückling. Ich will mir keinen Respekt durch eine bestimmte Themenwahl erschleichen. Es geht hier immer nur um die Kunst.


Was ist schlechte Kunst?


Alles was mit Recherchieren innerhalb von Themen zu tun hat.


Dich langweilt dasjenige, das eigentlich interessant erscheinen will. Jenes, welches sich als bedeutungsschwer gebärdet. Man könnte ja deine Kunst auch als langweilig bezeichnen.


Ja.


Und genau das interessiert dich. Das Langweilige in dein System aufzunehmen und ihm Bedeutung beizumessen, die Wichtigkeit eines Gummibaums [sprich: Monstera] zum Beispiel.


Die Bedeutsamkeit des Gummibaums kann ich eigentlich noch gar nicht abschätzen. Es hat sich ganz einfach so ergeben über das Motiv des Gummibaums. Zum Gummibaum gehört ein Besitzer. Ohne diesen gäbe es ja auch kein Bild von dem Besitzer mit dem Gummibaum, von Amberg & Marti und dem Gummibaum.


Sind wir dadurch so wie das Gartenhaus ein Träger, die eigentliche Halterung für den Gummibaum?


Nein, nein. Der Gummibaum soll euch ein Freund sein! Ein Weggefährte quasi, um den ihr euch kümmert. Ihr werdet mit dem Gummibaum wachsen.